Dario Wilding, Head of External Communications bei kununu (c) kununu
Wien, am 15. Juli 2026. Das Median-Einkommen eines österreichischen Privathaushalts beträgt aktuell 51.152 Euro (netto) pro Jahr. Um auch die unterschiedliche Größe der Haushalte miteinzubeziehen, muss jedoch das sogenannte äquivalisierte Nettohaushaltseinkommen berechnet werden. Letzteres liegt in Österreich derzeit bei 36.546 Euro. Ein wichtiger Richtwert, denn Haushalte, denen pro Jahr weniger als 60 Prozent dieses Betrags zur Verfügung steht, gelten laut Definition der EU als armutsgefährdet.[1]
Anders gesagt: Wer weniger als 21.928 Euro im Jahr beziehungsweise weniger als 1.827 Euro (netto) im Monat verdient und in einem Haushalt ohne weiteres Einkommen lebt, läuft potenziell Gefahr, Grundbedürfnisse wie Wohnen und Essen nicht mehr abdecken zu können.[2] Diese Bevölkerungsgruppe – also Personen, die trotz Erwerbstätigkeit arm oder armutsgefährdet sind – werden als „Working Poor“ bezeichnet. In Österreich trifft das aktuell auf 361.000 Menschen zu.[3]
Gastronomie als negativer Spitzenreiter
Doch welchen Jobs gehen die „Working Poor“ konkret nach? Mit dieser Frage befasst sich die jüngste Datenanalyse der Arbeitgeber-Vergleichsplattform kununu. Arbeitnehmer:innen geben auf der Plattform anonym Auskunft über ihre Arbeitsrealität und machen dabei auch konkrete Angaben zu ihrem Brutto-Jahresgehalt. Beträgt dieses weniger als 31.000 Euro, liegt das Netto-Gehalt unter der Armutsgefährdungsgrenze von 21.927 Euro. In Österreich ist das in 22 Jobs der Fall.[4]
Über ein Viertel von ihnen sind eindeutig dem Sektor Gastronomie zuzuordnen, der in dieser Hinsicht eine prekäre Spitzenposition einnimmt. Am unteren Ende des Rankings finden sich Küchenhilfen mit dem Brutto-Jahresgehalt von 26.555 Euro, aber auch Gastronom:innen (27.475 Euro), Barkeeper:innen (28.586 Euro), Kellner:innen (29.085 Euro), Restaurantfachfrauen und -männer (29.363 Euro) sowie Service-Mitarbeiter:innen in der Gastronomie (29.463 Euro) sind in der Liste enthalten.
„Wer jeden Tag dafür sorgt, dass Restaurants laufen oder Geschäfte geöffnet bleiben, verdient häufig nicht genug, um selbst finanziell abgesichert zu sein. Zum einen handelt es sich bei vielen Gastro- und Serviceberufen um körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten mit vergleichsweise niedrigen formalen Einstiegshürden. Zum anderen sind diese Jobs häufig von Teilzeit-, Schicht- oder Saisonarbeit geprägt und in Branchen angesiedelt, die unter einem hohen Kosten- und Wettbewerbsdruck stehen. Diese Kombination führt dazu, dass viele Beschäftigte trotz regelmäßiger Arbeit nur ein geringes Einkommen erzielen“, erklärt Dario Wilding, Head of External Communications bei kununu.
Typische Einstiegsjobs und niedrige Lohnpfade
Unter den besagten 22 Jobs findet sich aber auch die ein oder andere Überraschung, die man nicht zwingend mit niedrigen Gehältern in Verbindung bringt, wie beispielsweise Tierpfleger:in (29.927 Euro Brutto-Jahresgehalt) oder Einzelhandelskauffrau beziehungsweise Einzelhandelskaufmann (30.338 Euro Brutto-Jahresgehalt).
„Gerade der Einzelhandel zeigt, dass niedrige Einkommen längst nicht mehr nur vermeintliche Nischen- oder Helferberufe betreffen. Es handelt sich um einen der größten klassischen Ausbildungsberufe Österreichs, den viele mit sicheren und stabilen Beschäftigungsverhältnissen verbinden. Tatsächlich sorgen jedoch ein hoher Teilzeitanteil, hoher Margendruck im Handel sowie begrenzte Gehaltsentwicklungen dafür, dass viele Beschäftigte trotz regulärer Erwerbsarbeit nur vergleichsweise wenig verdienen“, so Wilding.
Gemeinsam ist den meisten der Berufe unter der 31.000-Euro-Grenze, dass die Verdienstmöglichkeiten auch mit zunehmender Berufserfahrung begrenzt bleiben. Viele dieser Berufe sind typische Einstiegsjobs, in denen Beschäftigte oft nur begrenzten Verhandlungsspielraum beim Gehalt haben. Hinzu kommt, dass die Saläre bei Jobs im unteren Gehaltssegment in den letzten Jahren trotz steigender Inflation kaum merklich nach oben korrigiert wurden, während Jobs im mittleren und oberen Gehaltssegment deutlicher zulegten.[5] Bleibt die Lohnentwicklung in diesen Berufen weiterhin hinter den steigenden Lebenshaltungskosten zurück, dürfte das Risiko von Erwerbsarmut weiter zunehmen.
[4] In der Auswertung sind lediglich Jobs mit mindestens 100 Angaben in den letzten zwei Jahren enthalten, konkret im Zeitraum von 18. Juni 2024 bis 18. Juni 2026.