Wer in ein Unternehmen investieren möchte, kauft üblicherweise dessen Aktien an der Börse. Doch gerade bei einigen der wertvollsten und wachstumsstärksten Technologieunternehmen der Welt ist das nicht ohne Weiteres möglich. Sie befinden sich weiterhin in Privatbesitz, obwohl ihre Bewertungen teilweise bereits jene börsennotierter Konzerne erreichen. Beteiligungen sind in dieser Phase meist institutionellen Investoren, Private-Equity-Fonds oder vermögenden Privatanlegern vorbehalten.
Eine Entwicklung aus dem Krypto-Universum könnte diese Zugangshürden zumindest teilweise verändern. Denn neue digitale Handels- und Bewertungsmechanismen ermöglichen es, die Marktbewertung nicht börsennotierter Unternehmen über derivative Finanzinstrumente abzubilden. Was zunächst abstrakt klingt, hat inzwischen eine konkrete Anwendung gefunden: Am 13. Oktober brachte 21shares mit dem Anthropic Synthetic ETP ein börsengehandeltes Produkt auf den Markt, das Anlegern eine wirtschaftliche Beteiligung an der impliziten Bewertung des KI-Riesen Anthropic ermöglicht – noch vor dessen Börsengang.
Investieren vor dem IPO – ohne Aktien zu besitzen
Die einfache Handelbarkeit vor dem tatsächlichen Börsengang (initial public offering, IPO) ist Kerngedanke des Konzepts der sogenannten Pre IPO-ETPs. Exchange-Traded Products sind Wertpapiere, die über eine Börse gehandelt werden und deren Wertentwicklung sich an einem zugrunde liegenden Vermögenswert oder Referenzwert orientiert.
Bei einem synthetischen Pre-IPO-ETP ist der Vermögenswert allerdings keine Aktie des betreffenden Unternehmens. Stattdessen bildet eine Derivatestruktur dessen vom Markt abgeleitete Bewertung ab. Damit geht ein wesentlicher Unterschied einher: Wer ein solches Produkt kauft, wird weder Aktionär noch erhält er Stimmrechte oder andere Eigentumsansprüche am Unternehmen. Anleger können jedoch dennoch an Veränderungen der impliziten Unternehmensbewertung wirtschaftlich partizipieren.
Wie entsteht ein Preis, wenn es noch keinen Aktienkurs gibt?
Die zentrale technische Herausforderung besteht in der Preisfindung. Während bei einem börsennotierten Unternehmen laufend Aktienkurse verfügbar sind, gibt es bei privaten Unternehmen keinen vergleichbaren, kontinuierlich beobachtbaren Marktpreis. Anhaltspunkte liefern höchstens Finanzierungsrunden, Transaktionen auf Sekundärmärkten und die Erwartungen der Marktteilnehmer.
An dieser Stelle kommen Finanzinstrumente und Technologien zum Einsatz, die sich im Kryptohandel etabliert haben. Eine wichtige Rolle spielen sogenannte Perpetual Futures, also unbefristete Terminkontrakte. Anders als klassische Futures besitzen sie kein festgelegtes Ablaufdatum. Über solche Kontrakte, die laufend gehandelt werden, können Marktteilnehmer auf die künftige Wertentwicklung eines Referenzwerts setzen, ohne den zugrunde liegenden Vermögenswert tatsächlich besitzen zu müssen.
Damit diese Kontrakte einen aussagekräftigen Preis abbilden, braucht es verlässliche Referenzdaten. Hierfür werden sogenannte Oracles eingesetzt: technische Systeme, die externe Marktinformationen erfassen, verarbeiten und für digitale Handelsmechanismen nutzbar machen. Beim Handel mit Anthropic-bezogenen Perpetual Futures verwendet beispielsweise die Kryptobörse Binance eine Methodik, die abgeschlossene Transaktionen fortlaufend auswertet und daraus sekündlich einen aktualisierten Referenzpreis ableitet. Zur Begrenzung kurzfristiger Ausschläge sind unter anderem Schwellenwerte für Preisänderungen und alternative Berechnungsverfahren bei geringer Handelsaktivität vorgesehen. So entsteht ein handelbares Wertpapier, dessen Wertentwicklung sich an der vom Markt erwarteten Unternehmensbewertung orientiert.

Unternehmen wie Anthropic, Entwickler des beliebten KI-Modells Claude, lassen sich regulär noch nicht über Börsen handeln (©Brecht Corbeel/Unsplash)
Vom Kryptomarkt zum traditionellen Wertpapier
Der eigentliche Fortschritt besteht darin, unterschiedliche Finanzmarktinfrastrukturen miteinander zu verbinden. Handelsplattformen für digitale Vermögenswerte haben Instrumente entwickelt, mit denen sich Positionen kontinuierlich handeln und anhand laufend aktualisierter Marktdaten bewerten lassen. Manche dieser Märkte, etwa Hyperliquid, werden direkt auf einer Blockchain betrieben. Andere, wie Binance, nutzen zentralisierte Handelsinfrastrukturen.
Nicht jeder Bestandteil eines solchen Finanzprodukts ist somit selbst blockchainbasiert. Die Innovation liegt vielmehr im Zusammenspiel der im Krypto-Ökosystem entwickelten Handelsmechanismen, der digitalen Preisermittlung und etablierter Wertpapierstrukturen, die die Finanzbranche schon lange besitzt. Dadurch werden Bewertungsdaten und Marktpositionen, die bisher überwiegend auf spezialisierten Handelsplattformen verfügbar waren, auch für klassische Anlageprodukte nutzbar.
Für Anleger bedeutet das, dass sie nicht selbst auf einer Kryptobörse handeln oder entsprechende Derivatepositionen verwalten müssen. Stattdessen können sie über ein Wertpapierdepot auf ein Produkt zugreifen, das diese Marktmechanismen im Hintergrund nutzt. Für die Investmentbranche eröffnet sich damit perspektivisch die Möglichkeit, weitere bislang schwer zugängliche Marktsegmente über vertraute Vertriebs- und Handelswege abzubilden.
Was passiert mit einem Pre IPO-ETP, wenn das Unternehmen tatsächlich an die Börse geht?
Auch dieses Ereignis kann mit den entwickelten Strukturen berücksichtigt werden. Im Fall des Anthropic-ETPs ist beispielsweise vorgesehen, dass die zugrunde liegenden Derivatepositionen weiterbestehen und die Preisreferenz nach einem IPO auf den offiziellen Börsenkurs übergeht. Eine Umwandlung des Produkts in tatsächliche Unternehmensaktien würde nicht stattfinden. Damit soll ein erzwungener Verkauf oder eine physische Aktienübertragung beim Börsengang vermieden werden.
Wo dennoch Unterschiede zur klassischen Unternehmensaktie bestehen
Trotz der fortschrittlichen Technologie muss auf die Unterschiede hingewiesen werden, die zur klassischen Aktie eines öffentlichen Unternehmens bestehen. Gerade die Bewertung privater Unternehmen bleibt mit höheren Unsicherheiten verbunden: Anders als bei etablierten Aktienmärkten können die verfügbaren Handelsdaten begrenzt sein, die Liquidität gering ausfallen und Preise zwischen verschiedenen Handelsplattformen deutlich voneinander abweichen.
Hinzu kommen produktspezifische Risiken. Die bei Perpetual Futures eingesetzte sogenannte Funding Rate sorgt durch regelmäßige Zahlungen zwischen Long- und Short-Positionen dafür, dass der Kontraktpreis möglichst nahe am Referenzwert bleibt. Diese variablen Finanzierungskosten können sich auf den Nettoinventarwert und damit auf die Rendite eines ETPs auswirken. Auch das Gegenparteirisiko bei synthetischen Strukturen sowie laufende Produktgebühren müssen berücksichtigt werden. Ein Pre IPO-ETP bildet zudem nicht zwangsläufig exakt jene Bewertung ab, zu der ein Unternehmen später tatsächlich an die Börse geht.
Dennoch zeigt die Entwicklung, die Innovationen aus dem Kryptosektor nutzt, dass sich die Bedeutung des Kryptosektors nicht auf den Handel mit Bitcoin und anderen digitalen Währungen reduzieren lässt. Entscheidend ist zunehmend, wie sich dort entwickelte Technologien und Finanzinstrumente in bestehende Kapitalmarktstrukturen integrieren lassen.
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in den aktuellen Research Insights von 21shares.