“Ein Liebesbrief an Wien”, so bezeichnet die international renommierte Kunstberaterin Minda Dowling die von ihr kuratierte Kunstsammlung im neuen Mandarin Oriental, Vienna. Im ehemaligen Handelsgericht in der Riemergasse 7 entstand nicht nur ein vornehmes Hotel, sondern ein Spannungsfeld, das die historische Funktion des Gebäudes bewusst aufbricht: Wo einst Ordnung und Rechtsprechung dominierten, entfaltet sich heute ein vielschichtiger künstlerischer Diskurs zwischen Tradition und Rebellion.
Kunst als kuratorisches Konzept, nicht als Dekoration
In Zusammenarbeit mit dem Londoner Designstudio Goddard Littlefair, folgt Dowlings Auswahl einem klaren Prinzip: Jedes Werk ist Teil eines übergeordneten Narrativs, das Architektur, Geschichte und Gegenwart miteinander verbindet und somit perfekt in die Dynamik des Gebäudes einfließt.
Die Sammlung umfasst insgesamt 410 Werke, darunter 150 Unikate von 25 zeitgenössischen Künstler:innen und Kollektiven aus aller Welt. Was sie gemeinsam haben? Alle beziehen sich auf den Schwerpunkt Wien. Dowling schuf mit der Sammlung ein Ergebnis, das sich bewusst nicht als dekoratives Element, sondern als inhaltliche Auseinandersetzung mit der kulturellen Identität Wiens versteht.
Wiener Avantgarde in zeitgenössischer Perspektive
Konkret greift die Sammlung bewusst die Tradition der Wiener Avantgarde auf, von der Secession bis zur Wiener Werkstätte. Der Knackpunkt dabei: Die Werke sind keine Reproduktionen von Größen wie Koloman Moser, Egon Schiele oder Gustav Klimt, sondern zeitgenössische Arbeiten von Künstler:innen der Gegenwart.
So entstand ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der die kulturelle DNA Wiens reflektiert. Laut Dowling ist diese Wiener DNA besonders spannend und einzigartig: “Wien ist eine Stadt, die auf den ersten Blick von Disziplin und Struktur geprägt ist. Unter der Oberfläche jedoch, wird die künstlerische Radikalität sowie ein Gefühl von permanentem Aufbruch sichtbar.”
Kunst als Teil der Guest Experience
Die Sammlung folgt keiner klassischen Dramaturgie. Stattdessen lädt sie zur individuellen Entdeckung ein: Werke können überraschen, irritieren oder subtil im Hintergrund wirken.
Ziel ist eine neue Form der Wahrnehmung, bei der Kunst nicht konsumiert, sondern erlebt wird. “Das Hotel wird so zu einem Ort der Reflexion über Wien, über Geschichte und über die Beziehung zwischen Raum und Betrachter. Das ist kein Museum, sondern das echte Wien.”
Internationale Perspektiven, lokale Verankerung
Ob textile Arbeiten von Fameed Khalique, abstrahierte Kompositionen von Rini Spiel oder auch gesellschaftskritische Mixed-Media-Werke von Daniela Luschin, die Sammlung vereint unterschiedliche künstlerische Positionen, die sich alle in das übergeordnete Narrativ einfügen.
Der hohe Anteil österreichischer Künstler:innen ergibt sich dabei nicht aus Vorgaben, sondern aus der konsequent ortsspezifischen Herangehensweise der Kuratorin: Kunst entsteht aus dem Kontext der Stadt selbst.
Mit diesem Ansatz erweitert das Mandarin Oriental, Vienna den klassischen Luxusbegriff um eine kulturelle Dimension. Kunst wird nicht als Statussymbol verstanden, sondern als inhaltlicher Mehrwert, das den Aufenthalt vertieft und emotional auflädt.
Key Facts zur Kunst im Mandarin Oriental, Vienna:
- 410 Werke im gesamten Hotel
- 150 Unikate
- 25 Künstler:innen und Kollektive, davon 14 weiblich
- Entwicklungszeit der Sammlung: rund 3,5 Jahre